Beeindruckende Lesung mit Lilly Lindner an der FOS Bamberg

Dass das keine gewöhnliche Lesung ist, wird schnell klar: Lilly Lindner liest nicht ab. Und sie sitzt auch nicht an einem Tisch. Ohne Schuhe steht die gebürtige Berlinerin vor den Schülern des Sozialzweiges der 12. und 13. Klassen. Mit ruhiger Stimme erzählt die Autorin aus ihren Büchern – und somit ihre eigene Geschichte.

Trotz ihres jungen Alters blickt Lilly Lindner bereits auf ein Leben voller Schicksalsschläge zurück. Geschriebene Worte sind lange Zeit das einzige Mittel für Lindner, um sich auszudrücken. Als Kind wird sie jahrelang von einem Nachbarn vergewaltigt. Als junges Mädchen beginnt sie sich zu schneiden und zu hungern. Immer mehr verliert sie das Gefühl für ihren Körper, prostituiert sich, versucht mehrfach sich umzubringen. 2011 veröffentlicht Lilly Lindner ihre Autobiografie „Splitterfasernackt“. „Meine Geschichte soll Menschen dazu bringen, sich ihren eigenen Gefühlen zu stellen“, sagt sie.

Schon 200 Lesungen hat Lindner dieses Jahr gehalten. Viele Schüler finden den Besuch der Autorin wichtig: „Niemand redet öffentlich darüber. Es ist gut, dass das jemand macht.“ Im Unterrichtsfach Pädagogik werden unter anderem Jugendkrisen thematisiert. Lilly Lindner ist dafür ein gutes Beispiel. Jeder hat sein Päckchen oder Paket zu tragen – es ist wichtig zu sehen, dass man da raus kommen kann.

Die Lesung ist eine Mischung aus Erzählungen, Musik und Darstellungen. Unterstützt wird Lindner dabei von Oliver Neitzel. Der 23-Jährige performt zusammen mit Lilly Lindner. Er fängt die Autorin auf, als sie vom Tisch springt, oder streichelt ihre vernarbten Arme.

Jede Lesung konfrontiert die Autorin mit ihrer Vergangenheit. Auch wenn sie das sehr anstrenge, möchte sie mit ihren Lesungen weitermachen. „Ich will Mut machen, sich selbst Raum zu geben und sich nicht zu verstecken", sagt Lindner. Doch man solle auch daraus lernen und nicht die gleichen Fehler begehen. Deshalb werde sie auch weiterhin Lesungen an Schulen absolvieren.

Kerstin Maier