Lesung und Vortrag von Jonas Lanig

„Flüchtlinge klauen Supermarkt in Hallstadt leer!“

Dies ist nur eine der vielen sogenannten Pseudonachrichten („Fake News“), die in den sozialen Netzwerken kursieren und gezielt zur Diskreditierung und dem Schüren von Vorbehalten gegenüber Flüchtlingen dienen. Jonas Lanig greift diese in seinem neuen Buch „50 Vorurteile in der Flüchtlingskrise auf dem Prüfstand – ein Faktencheck“ auf und versucht sie sachlich und ehrlich zu betrachten, indem er sie hinterfragt und auf ihre Richtigkeit überprüft. In seiner interaktiven Lesung an der Beruflichen Oberschule Bamberg erzählte er uns, wie er dabei vorgeht und zu welchen erstaunlichen Ergebnissen er oft gekommen ist.

Ein einfaches Zurücklehnen und Denken, dass einen das alles nichts angeht, wie das auch gerne getan wird, wenn man Vorurteile über Flüchtlinge hört, ist auch in der Lesung von Lanig nicht erwünscht. Jeder erhält zu Beginn sogenannte Ampelkärtchen und zwei Listen mit Zahlen und Meinungen zur Flüchtlingsthematik und es wird klar, dass man um Positionierung nicht herumkommt. Durch Markierungen werden zufällige Partner zugeteilt und Lanig fordert zunächst dazu auf, die eigenen Erlebnisse und Meinungen zum Umgang mit der Flüchtlingsthematik auszutauschen. Dadurch kommt es sehr schnell zu angeregten Gesprächen, auch wenn anschließend im Plenum keiner so recht zugeben mag oder vielleicht auch weiß, ob er nicht schon auf die ein oder andere falsche Nachricht in den sozialen Medien hereingefallen ist.

Daher erklärt Lanig nun anhand eines Beispiels, wie er schon oft Vorurteile bzw. Geschichten im Zusammenhang mit Flüchtlingen enttarnt, indem er sie persönlich überprüft und nachrecherchiert hat. Zwar habe es schon immer moderne Sagen gegeben, von denen er auch die ein oder andere präsentiert (zum Beispiel die berühmte Vogelspinne in der Yucca-Palme), doch seien die besonders drastischen und realistisch wirkenden Geschichten über Flüchtlinge von neuer Qualität, da sie sich gezielt gegen eine Gruppe richteten, die sich nicht wehren könne. Der Aufbau sei dagegen der gleiche: Ein bisschen Wahrheit (zum Beispiel ein realer Ort, ein real existierender Bekannter eines Bekannten, der die Geschichte glaubhaft erzählen könne) und viel Erfundenes (zum Beispiel der leergeklaute Supermarkt). Die Anfeindungen kämen dabei schon längst nicht mehr vom „ultrarechten Rand“, sondern mittlerweile kenne jeder jemanden, der jemanden kennt, der etwas gehört oder gesehen habe, was Vorurteile gegenüber Flüchtlingen schürt.

Wie leicht wir uns durch solche Pseudonachrichten verunsichern ließen, zeigte dann im Anschluss die Abfrage von „Wissen“ über Flüchtlinge mittels Ampelkärtchen und Zahlenvergleich. Die erstaunten Reaktionen zeigten, wie weit teilweise gefühltes Wissen und Realität auseinandergehen.

Am Ende war allen klar: Meinung wird in sozialen Netzwerken gezielt gesteuert, doch jeder ist in der Pflicht, diese zu hinterfragen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Nur durch Aufklärung könne man sich der rechten Stimmungsmache entziehen.

Nachtrag: Die Geschichte vom leergeklauten Supermarkt in Hallstadt wurde zum Beispiel erstaunlicherweise in gleichem oder ähnlichem Wortlaut mit jeweils anderen Ortsnamen im Netz mehrfach veröffentlicht, obwohl eine Rückfrage in den jeweiligen Supermärkten die Vorfälle nie bestätigte.

Kerstin Maier